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Der „Freiday“ - ein fester Projekttag mit Platz für die Interessen der Kinder

Informationen zum Eichhörnchen - Gestalten eines Plakates
In der Werkstatt beim Nistkästen bauen
Wo ist eigentlich Chile? - Gold und Silber Projektgruppe

„Du, Frau Wucher, kann ich mal telefonieren? Unsere Gruppe muss noch einmal beim Reiterhof anrufen, und abklären, wann wir kommen dürfen, um den Film über die artgerechte Haltung von Pferden zu drehen.“ ... „Wo ist denn der Hausi? Der wollte uns einen kleinen Schraubenschlüssel mitbringen, damit wir das Handy weiter auseinanderbauen können.“ ... „Wir sind im Garten und haben den Kompass dabei. Wir müssen kontrollieren, ob wir die Bäume für die Nistkästen richtig ausgesucht haben.“ ... „Wir sind unten im Werkraum.“ ... „Bitte nicht ins Elternsprechzimmer kommen. Wir nehmen jetzt ein Interview auf.“ ... „Frau Fischer, können Sie uns bitte noch einen großen Plakatkarton geben?“ ... „Als Erde haben wir jetzt eine Murmel genommen. Passt es vom Verhältnis, wenn wir für die Sonne den Sitzball nehmen?“ ... „Ist eigentlich schon eine Antwort auf unsere Mail gekommen?“ ... „Wo können wir denn die Kartons für die Modellbau-Gruppe lagern?“ ... „Alle Motor-Kinder bitte anstellen. Wir müssen los.“ … 

 

Ein ganz normaler Donnerstagvormittag an der Grundschule Martinszell.

 

Als erste Schule im Oberallgäu hat sich die Grundschule Martinszell auf den Weg gemacht und in Anlehnung an den „Freiday“ von Margret Rasfeld, jeden Donnerstag für vier Stunden in den Klassenstufen zwei bis vier einen festen Projekttag eingeführt. Die Kinder lernen an eigenen Themen, in selbst gewählten klassenübergreifenden Interessensgruppen, verteilt auf alle zur Verfügung stehenden Räume im gesamten Schulhaus. 

 

Wie kam es dazu? Die Lehrkräfte setzten sich mit der Frage auseinander, was heutige Kinder eigentlich lernen sollen, um in der Welt von morgen bestehen zu können. Bei den sehr rasanten Entwicklungen in allen Bereichen der Gesellschaft, kann wohl keiner sagen, wie diese Welt eigentlich aussehen wird. Welche Berufe wird es geben? Wie entwickelt sich das Internet? Welchen Stellenwert bekommt KI? Spaltet sich die Gesellschaft weiter oder rückt sie zusammen? Welchen Einflüssen, welchem Druck sozial, finanziell und gesamtgesellschaftlich werden die Kinder ausgeliefert sein?

 

Wir als Schule machen uns intensiv Gedanken darüber und sind uns sicher: Es genügt nicht, Kinder mit Wissen „vollzustopfen“ - Wissen, das schnell vergessen und in einigen Jahren möglicherweise überholt sein wird. Wissen, das man sich heute jederzeit und jederorts über eine unendliche Zahl an Büchern, Plattformen, Videos und Datenbanken aneignen und erweitern kann. Wissen, das in solch großen Mengen verfügbar ist, dass man sich oft nicht die Zeit nimmt, Themen wirklich zu durchdringen.

 

Was braucht es also dann? Welches Handwerkszeug brauchen unsere Kleinsten in ihrem Gepäck, um gesund und kraftvoll ihr Leben zu meistern und die bevorstehenden Herausforderungen zu bewältigen?

 

Aus Sicht der Lehrkräfte der Grundschule Martinszell sind es vier Säulen, die alle miteinander verwoben sind und unsere Kinder flexibel, stabil und zuversichtlich in die Zukunft gehen lassen:

 

  • Eigenständiger Erwerb von Wissen - Erlernen von Strategien und Techniken, WIE ich mir Wissen aneignen kann

  • Selbstwirksames Handeln – eigenes Tun als wirksam und somit sinnvoll erfahren

  • Zusammen leben – miteinander auskommen

  • Resilienz – mit Rückschlägen umgehen können

 

Das Eine geht nicht ohne das Andere, alles schließt einander ein und schafft die notwendige Grundlage, um als starkes Individuum IN der Gesellschaft und MIT der Gesellschaft leben und die Welt gestalten zu können.

 

Genau aus diesem Grund arbeiten die Kinder nun einmal pro Woche an ihren eigenen, selbst ausgewählten Projekten. Dabei wählen sie nicht nur das Thema, die Gruppenmitglieder und den Lernort selbst, sondern kümmern sich eigenständig um die Beschaffung von Material, evtl. notwendige Expertenbesuche, die Zielsetzung und Umsetzung.

 

Da wird diskutiert, gelesen, geschrieben, gemessen, berechnet, gezeichnet, konstruiert, telefoniert, mit Kindersuchmaschinen im Internet gesurft, in der Schülerbücherei nach passenden Büchern gesucht, gestritten, versöhnt, Ziele angepasst – und es herrscht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Im Plenum werden nächste Schritte geplant, Erfahrungen ausgetauscht und Ergebnisse vorgestellt. 

 

Lehrkräfte und Kinder sind überzeugt: Hier findet intensives Lernen in allen fachlichen und sozialen Bereichen statt. 

 

Das was hier im Kleinen läuft, ist längst nicht neu. Im Jahr 2019 wurde der OECD Learning Compass in Vancouver vorgestellt. 38 Mitgliedsländer sind der Frage nachgegangen, wie Lernen und Bildung der Zukunft aussehen sollen. In einer Zeit vieler Unwägbarkeiten und Krisen bietet der Lernkompass Orientierung, wie wir Schülerinnen und Schüler darauf vorbereiten können, ihre Gegenwart und Zukunft, ihr eigenes Leben und ihre Gemeinschaften verantwortungsvoll zu gestalten.    

 

Und wenn ein Drittklässler morgens mit erhöhter Temperatur aufwacht und als erstes nachfragt, welcher Wochentag sei – denn „Mama, weißt du, am Donnerstag kann ich echt nicht fehlen. Da ist’s wichtig.“ – dann ist eigentlich alles klar.

 

Mit dem Kompass Bäume für die Nistkästen auswählen
Vortrag über Katzen
Modell eines Vulkans